
by Katja Petrowskaja
Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete, wer hat sie gehört? Und als die Soldaten die Babuschka erschossen, “mit nachlässiger Routine”, wer hat am Fenster gestanden und zugeschaut? Die unabgeschlossene Familiengeschichte, die Katja Petrowskaja in kurzen Kapiteln erzählt, hätte ein tragischer Epochenroman werden können: der Student Judas Stern, ein Großonkel, verübte 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau. Sterns Bruder, ein Revolutionär aus Odessa, gab sich den Untergrundnamen Petrowski. Ein Urgroßvater gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder. Wenn aber schon der Name nicht mehr gewiß ist, was kann man dann überhaupt wissen?
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.03.2014, kopiert von perlentaucher.de
Schön unroutiniert erscheinen Jens Bisky Katja Petrowskajas Geschichten. Dass sie von Tod und Verschwinden handeln, vom Aufzehren der Familie durch Krieg und Verfolgung und Flucht und der Suche nach Spuren in entsetzlicher Vergangenheit, erfordert laut Bisky Behutsamkeit beim Erzählen. Darüber wie auch über Takt verfügt die Autorin, schreibt Bisky. Für den Rezensenten entsteht so Familiengeschichtsliteratur, aber ohne die üblichen Routinen dieses beliebten Genres, atemberaubend unbefangen recherchiert mit Hilfe von Suchmaschinen und in Familienüberlieferungen und Archiven zwischen Kiew, Berlin, Warschau und Mauthausen.
Facts:
English title: Maybe Esther
Original title: Vielleicht Esther
Published: 2014
