
by Joy Williams
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.02.2024, kopiert von perlentaucher.de
Rezensent Felix Stephan findet erfrischend, dass sich in Joy Williams’ Roman einmal nicht alles um das Trauma dreht, das mittlerweile die Gegenwartsliteratur dominiere. Und das, obwohl es dazu handlungstechnisch allen Anlass gebe: Denn der im Original bereits 1973 erschienene Roman erzähle vom Schicksal der jungen Kate, die nach dem Tod von Mutter, Bruder und Schwester mit ihrem Vater allein lebt, schließlich auch ihre große Liebe Grady verliert und sich fortan, wenn auch paralysiert, alleine durch Leben und Schwangerschaft schlägt. Der Unterschied zum “trauma plot” sei dabei allerdings, dass die Protagonistin keineswegs nur ein “Gefäß ihrer Verletzungen” ist, sondern Handlungsfähigkeit im Umgang mit den erlebten Schrecken besitzt, analysiert Stephan. Verliehen werde ihr diese durch den religiösen Glauben: die “Deutungshoheit” über die Bibel wendet der Kritiker gleichsam als eine Handlungshoheit im eigenen Leben, eine Freiheit zur Veränderung. Wie Joy Williams sich dieserart der großen Sinnfrage annimmt, ohne diese mit der klinischen Trauma-Diagnose überflüssig zu machen, findet der Kritiker toll. Erstaunlich, dass diese von den New York Times bereits früh als Schriftstellerin “ersten Ranges” identifizierte Autorin erst jetzt in Deutschland Anerkennung findet, meint er.
Facts:
English title: State of Grace
Original title: State of Grace
Published: 1973
