
by Carel van Schaik, Kai Michel
Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel legen eine verborgene Seite der Bibel frei. Sie lesen die Heilige Schrift nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit, das verblüffende Einblicke in die kulturelle Evolution des Homo sapiens bietet. Die Vertreibung aus dem Garten Eden markiert das wohl folgenreichste Ereignis der Menschheitsgeschichte: den Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum sesshaften Dasein mit Ackerbau und Viehzucht, das nicht nur zu Fortschritt, sondern auch zu Ungleichheit, Patriarchat und großen, anonymen Gesellschaften führte. Für die daraus resultierenden Probleme waren die Menschen aber weder biologisch noch kulturell gerüstet. Wie sie sich mühsam anpassten, wie sie versuchten, sich auf das bis dahin ungekannte Ausmaß menschlichen Leids in Gestalt von Ausbeutung, Krieg und Krankheiten einen Reim zu machen, das dokumentiert die Bibel auf erstaunliche Weise. Auch zeigt sie, woher das Bedürfnis nach Spiritualität stammt und weshalb die Menschen nicht schon immer die Angst vorm Tod umtrieb.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2016, kopiert von perlentaucher.de
Bernhard Lang findet den Versuch des Orang-Utan-Forschers Carel van Schaik und des Historikers Kai Michel, die Bibel als Beleg für die Evolutionspsychologie zu lesen, bemerkenswert. Kompetent in der Bibelwissenschaft, anschauungsreich durch Beispiele aus dem Alten und dem Neuen Testament beschreiben die Autoren Lang die Menschheitsgeschichte als Wechselspiel zwischen Instinkt und kognitiv-kulturellen Einflüssen. Die aufgeführten Belege für die Wiederkehr der Jäger-und-Sammler-Mentalität, etwa in Gestalt von Jesus und seinen Jüngern, die durchs Land ziehen, ergeben für Lang ein historisch-kritisches Bild der Bibel und eine neue Interpretation.
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Echo der Neolithischen Revolution: Die Vertreibung aus dem Garten Eden symbolisiert den schmerzhaften Abschied vom Leben als Jäger und Sammler hin zu mühsamem Ackerbau und Viehzucht.
- Kulturelle „Hausordnung“: Die Autoren sehen die biblischen Gesetze (wie die Zehn Gebote) als notwendigen Versuch, das Zusammenleben in den neuen, anonymen Großgesellschaften zu regeln, für die der Mensch biologisch nicht vorbereitet war.
- Dokumentation von Krisen: Geschichten wie die Sintflut oder der Turmbau zu Babel werden als kollektive Erinnerungen an reale ökologische und soziale Katastrophen gedeutet, die durch die neue Lebensweise ausgelöst wurden.
- Entstehung des Patriarchats: Das Buch analysiert, wie Sesshaftigkeit und Besitzbesitz zur Unterdrückung der Frau und zur Entstehung hierarchischer Machtstrukturen führten, die sich in den religiösen Texten niederschlugen.
Facts:
English title: The Good Book of Human Nature: An Evolutionary Reading of the Bible
Original title: Das Tagebuch der Menschheit: Was die Bibel über unsere Evolution verrät
Published: 2017
